Sonntag, 8. August 2010

An meinen Dad...

23 Tage ist es nun her, dass die Post kam mit der Nachricht, dass du am 14.07. gestorben bist. Ein Tag in meinem Leben, wo das Leben mir mal wieder volle Breitseite ins Gesicht geschlagen hat. Ca. 14 Jahre hatten wir keinerlei Kontakt, weil deine Sucht uns auseinander getrieben hat. 14 Jahre lang wusste ich weder was du machst, noch wo du bist. Kein Lebenszeichen... keine Anrufe.. keine Briefe. 14 Jahre habe ich mit dem Gedanken gelebt, dass du schlicht und ergreifend keinen Kontakt zu deinen Kindern mehr haben möchtest. Zwischendurch habe ich dich mal getroffen, aber nachdem du mich nicht erkannt hast, war für mich klar du hast ein Leben ohne uns angefangen und dieses Leben gefällt dir. Ein Leben ohne Dach über dem Kopf, frei sein, mit dem besten Freund named Alkohol...

So zogen die Jahre ins Land, du bekamst Enkel von denen du nichts wusstest. Und desto älter ich wurde wuchs immer mehr der Gedanke in mir, dich zu treffen. Dir alle Fragen zu stellen, die sich im Laufe der Zeit aufgestaut hatten. Dir in die Augen zu sehen und dir zu sagen, dass du mir fehlst, egal was vorgefallen ist. Du immer in meinen Gedanken und meinem Herzen bist. Schließlich bist du mein Dad.

Doch die Zweifel und auch die Angst, dass du das nicht möchtest, mich vergessen hast liesen diesen Gedanken immer wieder nach hinten verschwinden. Ebenso die Angst, dass ich mit einem eventuellen Treffen eine Verpflichtung eingehe, welche ich nicht halten kann. Immer und immer wieder dachte ich darüber nach. Als ich erfahen habe, dass du nun in einer Unterkunft für Wohnungslose in Esslingen wohnst, war für mich klar, dass ich dich dieses Jahr treffen werde. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich noch mit einem Freund gesprochen, welcher in der Ecke wohnt. Ich sagte zu ihm "Daniel, im Sommer komm ich dich besuchen und dann musst du mit mir meinen Dad besuchen fahren". Es war für mich ganz klar... eine feste Sache. Bald habe ich Urlaub und da sollte das ganze von statten gehen.

Vor drei Wochen dann die Post, die alles durcheinander wirbelte und meinen Kopf seitdem nicht mehr still stehen lässt. "Am 14.07.2010 ist ihr Vater in Esslingen am Neckar verstorben, bitte kümmern sie sich bis zum 19.07. 14:00 Uhr um die Bestattung"... klaaaaaaaaatsch.... da war das wovor ich immer Angst hatte. Der Moment vor dem ich mich immer gefürchtet habe. Die verpasste Chance lag da vor mir, schwarz auf weiß geschrieben. Ein Stückchen in mir zerbrach...

Ein Telefonat mit der Friedhofsverwaltung und deine Bestattung war geregelt. Am 05.08.10 sollte sie sein. Anonym, in kleinsten Kreis... Eine Freundin von dir verriet mir, du wolltest verbrannt werden. So haben wir es auch vorgesehen und somit konnte ich dir einen kleinen Wunsch wenigstens erfüllen.

Am 05.08. machten Mama und ich uns dann auf den Weg nach Esslingen. Es war alles okay, bis ich vor deinem Grab stand... deine Freunde um uns herum, wie sie berichteten von einem Mann, welcher ein großes, offenes Herz hatte. Immer sozial seinen Mitmenschen gegenüber. Für seinen besten Freund durch halb Deutschland gereist ist, weil dieser so schwer krank ist. In dem Moment kam die Wut ... und die Frage "wo war dieser Mann die letzten 14 Jahre, wenn ich ihn gebraucht habe... wo war sein großes Herz für mich und meine Probleme?" Ich kam mir vor wie eine Fremde, zwischen all den Menschen, die dich die letzten Jahre begleitet haben. Ich fühlte mich deplaziert, einfach nicht dazugehörig. Es tat weh zu erkennen, dass ich diesen wundervollen Menschen der dort beschrieben wurde, nie kannte.

Nach der Bestattung wollte ich noch sehen, wo du die letzte Zeit deines Lebens verbracht hast und so fuhren wir gemeinsam mit den beiden Sozialarbeiterinnen in das Berberdorf, wo du mit deinem Hund Teddy gelebt hast. Da sie wussten, dass ich komme, hatten sie dein Zimmer noch nicht weiter gegeben. Lediglich deine persönlichen Sachen zusammen gepackt. Ich schaute mich um und schließlich kamen wir zu deinen persönlichen Dingen. Ich weiß noch Frau Weinland sagte "In diesem Karton sind Fotos, welche hier seine komplette Wand geschmückt haben. Vielleicht sind von Ihnen welche dabei." Ich schaute in den Karton und was ich da fand, erstaunte mich...

Unfassbar viele Fotos von mir und meiner Schwester... bis auf zwei Bilder, nur Kinderfotos von uns, welche die letzten 14 Jahre an deiner Wand gehangen haben. Es freute mich zu sehen, dass du an uns gedacht hast, uns nie vergessen hast. Im gleichen Moment machte es mich aber auch unglaublich traurig. Denn genau in diesem Moment realisierte ich, dass meine Ängste die letzten Jahre völlig unbegründet waren und mein fehlender Mut, mir eine einmalige Chance vermasselt hat. Ich mich nie mit dir aussprechen konnte, obwohl du es dir sicher genauso sehr gewünscht hast wie ich.

Die Fotos habe ich mitgenommen und auch Bilder von dir und ein paar persönliche Gegenstände. Wenigstens jetzt möchte ich etwas von dir bei mir haben, auch wenn es zu spät ist. Ich denke die letzten Wochen viel darüber nach, was wir im Leben aufgrund mangelnder Courage und Eigenschutz vermasseln, verpassen...

Könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich vieles anders machen. Aber ich möchte das du weißt, dass ich dich nie vergessen habe und ich dich lieb hab und immer hatte. Ich werde dich nie vergessen! Irgendwann sehen wir uns wieder und dann, werden wir alles klären und endlich wieder Vater und Tochter sein.

Ich danke allen Mitarbeitern des Berberdorfes und Freunden, die sich die letzten Jahre um dich gekümmert haben. Sie alle werden dich auch nie vergessen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen